Sag´s mit Steinen… Mein Wort zum Sonntag

Können Steine schreien? Sie sind doch nicht lebendig. Stumme Diener in Mauern und im Straßenpflaster. Auf dem Friedhof die Grabsteine sprechen zu dem der vorübergeht. Sie erzählen von Menschen, die ich kannte. Erinnern an den Tag als ich hier stand stumm am offenen Grab stumm. Ich spreche dann mit mir selbst und auch mit den Toten, der Stein hat das Gespräch angestoßen. Die Soldatengräber klagen an der Rintelner Straße, der Gedenkstein am Stumpfen Turm mit den Namen der Opfer der Kriege. So viele Väter sind nicht nach Hause gekommne, so viele Brüder und Onkel. Auch die Frauen und Kinder wurden schwer verletzt. In den Straßen unserer Stadt liegen sie im Pflaster, Stolpersteine mit den Namen der Juden, die hier lebten, ermordet wurden. Die Gedenkstätte Synagoge in der Neuen Straße hinter dem Vesuvio. Hier sind die Lichter ausgegangen im November 1938. Eine stumme Anklage, die zum Himmel schreit. Wo sind die Lemgoer Juden, ihre KInder und Enkel  könnten heute in der Synagoge beten. Gott seis geklagt. Sie fehlen uns, unsere älteren Geschwister im Glauben an den Gott Israels. Wir sind abgestumpft, spüren die offene Wunde nicht mehr. Aber die Steine klagen Tag und Nacht. 

Im Kindergarten Bodelschwingh, beim Detmolder Weg, gibt es einen Raum, wenn da die Kinder eine Murmel auf den Boden legen, rollt sie sofort weg, immer zu derselben Seite.  In der Mauer sind Risse zu sehen. Was hat das zu sagen? Ein Gutachter hat die Botschaft der Steine entschlüsselt. Es hat schon drei Jahre zu wenig geregnet. Der Boden unter dem Kindergarten ist trocken geworden und hat sich zusammen gezogen. Das Gebäude neigt sich zur Seite. Wenn sie davorstehen draußen davor stehen und erschrocken hochsehen, sehen sie rund um Lemgo die Hügel und den Wald darauf. Es gibt große kahle Stellen, wo sonst immer Wald war. Manchmal ist der Boden weggeschwemmt und der nackte Fels zu sehen. Als würden sie klagen: Ihr habt uns ausgezogen, entblößt, geschändet. Schüler haben dagegen protestieren, meist freitags.  Stumm, denn laute Kundgebungen sind nicht erlaubt  Sie haben es mit Kreide auf die Straße geschrieben, dass ihre Zukunft verheizt wird. Geht lieber in die Schule, Kinder, und seid still, haben manche gesagt.  Aber wenn sie schwiegen, würden die Steine lauter schreien – die kahlen Abhänge in den Wäldern, die Risse in der Wand des Kindergartens. Das Bundesverfassunsgericht hat sie gehört und geurteilt- der Klimaschutz muss verschärft jetzt werden, wir dürfen nicht auf Kosten der Generation nach uns leben.

Diese Woche habe ich auch ein Foto gesehen: Reste eines Schlauchbootes treiben im blauen Meer bei Sonnenschein, halb schon unter Wasser. 2 Tage haben die Insassen in ihre Handys geschrieen. Die Küstenwachen in Malta und Sizilien haben weggehört, bis sie verstummten. Niemand hat sie gehört auf dem Meer. Das private Rettungsschiff das sie gesucht hat, hat sie zu spät gefunden. Die Trümmer des Bootes schreien zum Himmel. Man sagt auch, ein Mensch hat eine versteinerte Miene.  Er ist stumm geworden vor Kummer und Schmerz. Ein stummer Schrei.

– Musik –

Wer hört die stumme Schreie? Wer hört auf die Steine?  Jesus zog durch die Straßen von Jericho, viel jubelten ihm zu. In allem Jubel hörte er die Schreie von Bartimäus, hilf mir! Obwohl viele sagten, Sei still! Jesus hörte den stummen sehnsüchtigen Ruf von Zachäus, der auf dem Baum hockte, in den Blättern versteckt. „Komm eilends herunter, heute muss ich in deinem Haus einkehren.“ Jetzt ist eram Ölberg gegenüber der Altstadt von Jerusalem. Das goldene Tor liegt vor ihm, der Tempel. Auf einem Esel reitet er und seine Jünger legen Kleider auf den Boden, statt eines roten Teppichs. Sie rufen laut und begeistert, vielleicht singen sie sogar: „Gelobt sei der da kommt im Namen des Herrn!  Der König!“ Kein Triumphzug, kein Volksfest, keine Palmzweige bei Lukas. Nur eine kleine laute Demonstration.  Hört her, ihr Leute – Der Messias ist hier! Der König von Israel, von Gott geschickt.

Pst, Meister, sagen einige Pharisäer und sie meinen es gut. „Sag doch deinen Leuten, sie sollen still sein. Das nimmt sonst ein böses Ende. Die Burg der römischen Garnison ist doch schon in Sicht. Die Römer sind hellhörig und wittern Aufstand, wenn jemand zum König ausgerufen wird. Der Tempel ist schon nah, die Hohenpriester lassen nicht zu, dass jemand Aufruhr macht und sich zum Messias ausrufen lässt. Das nimmt ein böses Ende, seid lieber still!“ – „Wenn diese schweigen, werden die Steine schreien.“ Jesus weiß, dass es kein gutes Ende nimmt. Er hat gerade geweint, als er die auf die Stadt sah. Ganz klar sah er vor sich was ihr blüht in wenigen Jahren:  Der Aufstand gegen die Römer, blutig niedergeschkagen. Die Stadt, der Tempel in Trümmern. Die Menschen tot oder vertrieben, kein Jude mehr in Jerusalem. Nur die Trümmer schreien. Ach, würden sie doch lieber auf ihn hören. Auf den König der sanftmütig ist, auf einem Esel reitet, nicht auf einem Schlachtross. Dem folgen, der stumme Schreie hört. Der ein Ohr hat für die Armen. Der das Schwert in der Scheide lässt. Dann würden sie leben und die Steinen würden weiter stumm dienen. Jesus hat einen Vorgänger, den Propheten Habakuk. Auf wenigen Seiten am Ende des Alten Testaments sind seine Worte überliefert. Habakuk sah die erste Zerstörung Jerusalems voraus, die Trümmer. Und sagte dies Wort als erster: Die Steine werden schreien.  Weil ihr die Schreie der Armen nicht gehört habt, wird die Stadt in Trümmern liegen.

– Musik –

Hier in der Kirche sprechen die Steine. Sie schreien nicht, sie sind ganz ruhig. Sie sprechen eine eigene Sprache. Hier ist Licht, hier ist Weite, hier ist Raum  für dich. Hier wohnt der Gott, der das Ohr des Menschen geschaffen hat. Der hört auf die stummen Schreie der Steine und sieht die versteinerten Gesichter. Hier wohnt der Gott, der das Auge geschaffen hat. Sollte der nicht sehen? Ja, er sieht alles, alle verborgene Not. Diese Steine hier halten es aus, dass man einen Gekreuzigten in die Mitte stellt, Den Menschen, der  verraten wurde, ausgezogen, geschlagen. Der nackt am Kreuz hing. Das ist unser Gott, zu dem wir sagen: Erbarme dich unser. Er kann heilen, weil er selbst verwundet ist, ein wounded healer. Er hält seine Wunde offen, damit wir uns bei ihm bergen können. Das ist die Predigt der Steine.

Komm doch manchmal hier hin, die Kirche ist offen. Verkriech dich hier. Lausche den Steinen und sprich mit dem Gekreuzigten. Astrid Lindgren hat einmal einen Vorschlag gemacht: Man könnte auf kleine Steine schreiben: „Keine Gewalt!“ und sie überall hinlegen. Viele machen das jetzt so ähnlich: Mit den Kindern Steine bunt anmalen. Ermutigende Worte darauf schreiben und sie auslegen am Wegesrand. Diese Steine reden, sie machen Mut. Am Wall gibt es einen Stein für Karla Raveh. Eine Jüdin aus Lemgo. Sie wird geehrt in dieser Stadt, als Ehrenbürgerin. Es ist jüdische Sitte auf Grabsteine einen kleinen Stein zu legen, wenn man das Grab besucht. Mach das doch auch beim Stein für Karla Raveh. Dann predigt dein Stein von der Freundschaft und der Ehrerbietung für unsere Ehrenbürgerin. Sag es mit Blumen, sag es mit Steinen. 

 Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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