Abendmahl – digital und handfest – Erfahrungsbericht und theologische Argumente

Im März 2020 wurde in der St. Marien-Kirche zuletzt ein Abendmahl gefeiert – in großer Runde im Familiengottesdienst. Dann kam Corona. Die diesjährigen Konfi3-Kinder haben noch kein Abendmahl erlebt. Eine verlorene Generation? Als Pfarrer habe ich Verantwortung für das Abendmahl und für die Gesundheit der Gottesdienstbesucher. Lange habe ich gedacht: Gott legt uns ein Fasten auf, das müssen wir aushalten. Inzwischen denke ich oft an das Wort Jesu: „Wie können die Hochzeitsgäste fasten, wenn der Bräutigam bei ihnen ist?“ Wie können wir seinen Auftrag erfüllen: „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ – und zwar oft! („So oft ihr dies Brot esst…“). Nach einem Jahr könnte man sonst meinen: Das Abendmahl ist doch nicht so wichtig. Oder aber: Der Pfarrer lässt die Schäfchen verhungern.

An Gründonnerstag 2021 wurde in St. Marien wieder Abendmahl gefeiert. In den Häusern und Familien und zugleich im digitalen Raum der Videokonferenz. Über die Kameras der Computer nahmen alle an derselben Feier teil. Einander sehen, miteinander beten, gemeinsam die Predigt hören. Durch Brot und Traubensaft – vorher in der Kirche abgeholt – und mit den Menschen am Tisch bei mir zu Hause kam das Anfassbare dazu. „Sehet und schmecket, wie freundlich der Herr ist.“ Die Konfirmanden dieses Jahres mit ihren Eltern und Geschwistern waren alle dabei. Ein gelungenes Experiment, meint auch der Kirchenvorstand.

Viele Gemeinden in ganz Deutschland haben es schon erprobt, manche halten das „digitale Abendmahl“ aber auch für problematisch. Im Medium der Videokonferenz finde keine persönliche Begegnung statt, das elementare-anfassbare fehle. Wer keinen Zugang zum  Internet hat, ist ausgeschlossen. Der Gabecharakter entfiele, wenn man sich Brot und Wein selbst zu Hause hinstellt. Die fehlende Akzeptanz „in der Ökumene“ vergrößere den Abstand zu anderen Kirchen und Konfessionen. Diese Argumente stehen allerdings auf wackeligen Beinen.
„Keine persönliche Begegnung“: Wenn Großeltern mit ihren Enkeln in Übersee ein Videotelefonat führen, ist das eine ohne Zweifel eine persönliche Begegnung. Auch wenn wir uns im Zoom-Gottesdienst in die Augen schauen, unsere Gebetsanliegen in den Chat schreiben oder unsere Kerzen zeigen. Dass manchem eine persönlich Begegnung in diesem Medium nicht zugänglich ist, ist zu respektieren. Dass sie grundsätzlich möglich ist und vielfach geschieht, kann aber auch nicht bestritten werden.

„Das Anfassbare fehlt“: Digitales Abendmahl ist keineswegs nur virtuell. Familie und Freunde sitzen an einem Tisch,  Brot und Wein werden weitergereicht und genossen. Auch ein Abendmahl in der Kirche beschränkt sich nicht auf Anfassbares. Die Gemeinschaft mit Christus, den Verstorbenen, den Gläubigen in aller Welt wird auf immaterielle Weise hergestellt. Ein simples Konzept „Abendmahl = Alles zum Anfassen in 4 Wänden“ wäre theologisch unterbelichtet und wird der Weite und Komplexität des Abendmahles nicht gerecht.

„Kein Gabecharakter“: Bei jedem Tischgebet und Erntedankfest üben wir, alles, was wir auf den Tisch bringen und erarbeiten, aus Gottes Hand zu empfangen und empfehlen diese geistliche Übung. Warum soll das beim Abendmahl zu Hause auf einmal nicht möglich sein? Kommt hier die Angst durch, Kontrolle und Bedeutung zu verlieren? Das wäre verständlich, aber nicht geistlich. Loslassen, Gott vertrauen und den Geschwistern, würde ich raten.

„Rücksicht auf die Ökumene“: Dies Argument wird merkwürdig eklektisch und unpräzise gebraucht. Wer ist „die Ökumene“? Wo ist Rücksicht nötig und wo ist sie fehl am Platz? Mit Rücksicht zum Beispiel auf die litauischen lutherischen Geschwister könnte man auf die Frauenordination verzichten und keine gleichgeschlechtlichen Paare mehr segnen. Und von Katholiken verlangen, dass sie aus Rücksicht auf uns Zölibat und Papstamt aufgeben. Das vertritt niemand ernsthaft. Rücksicht auf die Ökumene kann kein Recht beanspruchen, eigene theologische Urteile zu zensieren. Als rein formales Argument greift sie ins Leere.  

„Menschen ohne Internet sind ausgeschlossen.“: Ein wichtiger Einwand! Wir haben deshalb eingeladen, zeitgleich zu Hause eine Andacht zu halten und an die Gemeinde zu denken. Die schriftliche Anleitung dazu wurde von Senioren mit Freude angenommen, sogar selbst kopiert und weitergegeben. Nottaufe und Hausabendmahl bieten hier Anknüpfungspunkte in der Tradition. Wer das Argument ernst nimmt, muss aber auch fragen: Wer kommt nie zum Abendmahl, weil die Hemmschwelle Kirchentüre zu hoch ist? Wenn am Bildschirm andere mitfeiern, zum Beispiel Konfirmanden-Eltern, leitet sich daraus geradezu die Pflicht ab, andere Formen zu erproben.

Unsere Urgroßeltern würden staunen über eine heutige Abendmahlsfeier – oder wären schockiert. So oft im Jahr, an einfachen Sonntagen! Gemeindemitglieder teilen aus, ja sogar Frauen im Talar! Kinder empfangen es wie die Großen lange vor ihrer Konfirmation. Traubensaft im (Einzel-)Kelch oder Keramikbecher. Erhobenen Hauptes Stehen im großen Kreis statt Knien mit gesenktem Kopf. Oder eine Wandelkommunion. Diese gravierenden  Veränderungen waren von jahrzehntelangen Diskussionen begleitet, bevor sie weitgehend anerkannt wurden. Manche sind bis heute umstritten. Man fürchtete, das Abendmahl zu verraten, das Amt des Pfarrers auszuhöhlen, die Kirche zu beschädigen. Heute überwiegt die Meinung: Der Charakter des Abendmahles wurde in veränderter Zeit bewahrt. Er wird nun sogar besser getroffen, Wesentliches ist wieder entdeckt worden. Und es sind Akzente verschoben worden. Was legitim ist, angesichts der Fülle von Perpektiven, die dem Abendmahl innewohnen. In jeder Gestalt der Feier kommen manche stärker zur Geltung, andere sind im Hintergrund präsent. Abendmahlsfeiern mit digitalen Hilsmitteln können hier eingeordnet werden. 

Im Sommer möchte ich wieder in St. Marien Abendmahl feiern – mit Konfirmanden,  Familien, und allen, die kommen möchten. Wenn es nicht anders geht, mit digitalen Hilfsmitteln. Wie sagt Jesus? „Geht an die Hecken und Zäune, damit mein Haus voll werde!“ 

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