Der Herr ist mein Hirte – Predigt von Elke Koring vom 18.04.21

Heike arbeitet im Altenheim. Heute morgen versorgt sie Hans. Hans lebt schon lange hier. Nun ist er bettlägerig, kann kaum sprechen und wenn, nur sehr undeutlich. Hans durchwandert ein dunkles Tal. Er ist oft allein und verbringt seine einsamen Tage, ja womit eigentlich? Heut ist Sonntag und als Heike das Zimmer betritt, schaut Hans den TVgtd. Heike konzentriert sich auf ihre Arbeit, versucht Heinz wenig zu stören. Zunächst schweigt Hans, wie so oft.  Dann aber versucht er sich verständlich zu machen. Heike fragt nach, was er denn meint oder möchte. Das geht eine ganze Weile so. Als Heike noch einmal fragt bricht es aus Heinz heraus, laut und verständlich mit Nachdruck: Der Herr ist mein Hirte. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht und merklich entspannt sich sein angestrengter Körper. Heike unterbricht einen Moment ihre Arbeit, gemeinsam lauschen sie den vertrauten Versen des 23. Psalms, der gerade wunderschön gesungen wird. Am Ende beten beide überzeugt Amen.

Liebe Gemeinde, eine Begegnung, die mich sehr berührt. Der alte Mann ist sehr zu Hause, indem, was er eigentlich gar nicht mehr aussprechen kann. Verständlich, laut, und mit Nachdruck, bahnen sich die Worte und Gefühle Bahn: Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen. Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang. und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.

Lauscht er getröstet dem gesungenen Ps? Spürbar ist: diese Worte bedeuten ihm sehr viel. Obwohl er inzwischen ein schweres, eingeschränktes Leben führen muss, weiß er sich geborgen,  wie ein verletztes Schaf auf den Schultern des guten Hirten. Diese Schultern tragen ihn, diese Hände berühren ihn zärtlich, diese Stimme ruft ihn, diese Liebe lässt ihn vieles ertragen. Ob Hans in seinem früheren Leben keinen Mangel gespürt hat, können wir nur mutmaßen. Wahrscheinlich hat er aber wie jeder ein Leben mit Höhen und Tiefen geführt. Wie schnell unser Leben plötzlich Mangel hat, darüber klagen wir alle zur Zeit. Täglich wird das sogar in Zahlen berichtet. Hinter den Zahlen leiden und sterben Menschen. Frisches Wasser und grünen Auen, ein gedeckter Tisch im Angesichts des Feindes???

Weit ab von Corona bin ich in meinem Leben an den Worten des 23. Psalms verzweifelt, habe viele Tränen geweint. Zuweilen habe ich sogar zornig versucht meinem Gott das wunderbar gebetete Idyll abzufordern.  In dieser Zeit war einfach zu wenig Gutes für mich. Ich ärgerte mich, weinte, wünschte und hoffte, wann immer mir der Psalm begegnete. Hans erlebt das bettlägerig, einsam, fast stumm – so ganz anders. Er fordert nicht, lauscht vertrauensvoll den wunderbaren Worten, lebt mühsam, nicht unzufrieden und betet. Vielleicht verbringt er damit seine Tage? Offensichtlich sind ihm diese Worte so wichtig, dass er alle Kraft mobilisieren kann und bekräftigt: Der Herr ist mein Hirte. Ich bin gesalbt, hier ist Fülle… Leise, aber nicht weniger eindrücklich spüre ich mit Hans: Gutes und Barmherzigkeit erden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar. Aus Gottes Haus kann mich nichts vertreiben, er bleibt treu, er ist der gute Hirte, selbst im dunklen Tal geht er voran und weist mir durch den Hirtenstab den Weg.

Der Glaube an solche Worte ist Grundlage für gelingendes Leben. Das heißt keineswegs, dass dies Leben kein Leid und keinen Schmerz beinhaltet. In den Widrigkeiten des Lebens schenkt der Schöpfer seinen Menschenkindern Kraft, Durchhaltevermögen, weise Entscheidungen und manches Wunder. Abraham zog in ein fernes fremdes Land, fand sein Glück, ein gutes Auskommen und bekam im hohen Alter Söhne, einen mit der Magd Hagar und dann endlich mit Sara den versprochen Isaak, später seine Enkel Esau und Jakob. Sara lachte, als ihr jenseits der Gebärfähigkeit ein Sohn verheißen wurde. Lacht sie Gott an: Ja, Gott, ich vertrau dir, du bist treu, ich glaub an das Wunder. Warum auch nicht! Die blinde stark gehandicapte Jasmin sitzt andächtig unter dem duftenden Jasmin und flüstert nach minutenlanger Stille: schön, …wie ich. Diese Menschen, und dazu gehören weit mehr, als jetzt erwähnt, haben durch den Glauben Gottes Kraft und Fürsorge erlebt. Nicht täglich scheint die Sonne, sie geht auch nicht im Osten auf und im Westen unter. Das nehmen wir das subjektiv vom jeweiligen Standpunkt und der momentanen Wetterlage so wahr. Objektiv bewegt die Erde sich täglich um die Sonne, und Gott sei Dank, stabil und verlässlich.

Auch 2021 haben wir Ostern gefeiert, bunt habt ihr Konfis es auf Gehsteigen geschrieben. Der Herr ist auferstanden! Unser Glaube ist Vertrauen: hinter dem mühsamen JETZT gibt es ein wunderbares EWIG. Christen bekennen das jeden Sonntag. Konfirmation ist ein großes Fest, 2021 ein wenig anders.  Trotzdem liebe Konfis, wir alle sind gemeint. Gott hat etwas Besseres für uns vorgesehen als dunkle Täler.

Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang. Das kann ein Telefonanruf eines lieben Menschen, eine gute Mahlzeit, die bunte Vielfalt des Frühlings, die warmen Sonnenstrahlen auf meinem Gesicht, die gefeierte Konfirmation, die überraschende Wende, die überstandene Krankheit, die Kraft für mühsame Tage, der liebevolle Pfleger, mein Auskommen, meine Lebenslust und so viel mehr sein. Und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar. Ja wir werden mit Christus auferstehen, auch aus mancher irdischen Krise, und in der Ewigkeit unseres Schöpfers ganz ohne Tränen.Im Wochenspruch spricht Jesus Christus: Ich bin der gute Hirte, meine Schafe hören meine Stimme und ich kenne sie, und sie folgen mir, und ich gebe ihnen das ewige Leben. Hans hat mir heute gezeigt, ich brauche nicht verzweifeln. Gott erquickt auch meine Seele. Und der Friede Gottes, der höher ist als alles, was wir denken und fühlen können, bewahre uns in Jesus Christus, unserem Bruder und guten Hirten. Amen.

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