Frau, was weinst du? – Osterpredigt aus St. Marien

Maria steht weinend am leeren Grab, da tritt der Gärtner zu ihr und spricht sie an. „Maria!“ Da erkennt sie ihn. Es ist der auferstandene Jesus. Vieleicht ist ihnen die Geschichte vertraut. Aber wissen sie auch, was zuvor geschah? Maria ist schon das zweite Mal am Grab an diesem Morgen. Ganz früh war sie war die Erste. Und sah von weitem: Der Stein ist weg! Der große runde, der das Grab verschloss wie eine Türe. Das Grab, wie eine Kammer in den Felsen gehauen, ist geöffnet worden! Das darf doch nicht wahr sein! Die Totenruhe gestört. Hat man ihn umgebettet, durfte er hier nicht bleiben, wo man ihn auf die Schnelle beigesetzt hatte, am Rüsttag bevor am Abend der Sabbat, der Ruhetag anbrach? Oder hat man ihn im Tod noch einmal gedemütigt, ihm nicht einmal ein ehrenvolles Grab gelassen? Sie weiß es nicht. Sie ist verstört. Hier findet sie keinen Jesus und keine Ruhe. Aufgewühlt läuft sie fort, flüchtet. Sie sagt es Petrus und dem andern, dem Jünger, den Jesus besonders mochte. Die machen sich sofort auf in die umgekehrte Richtung. Das müssen sie sich anschauen. Sie werden immer schneller, geraten ins Laufen und machen einen Wettlauf daraus. Das will ich als erster sehen. Der zuerst kommt, stoppt abrupt, als er es sieht. Er traut sich nicht näher heran. Sieht aber schon etwas mehr als Maria. Im Grab liegen die Leinentücher, in die der Leichnam gewickelt war. Petrus kommt keuchend hinterher, er ist nur zweiter. Aber er geht einen Schritt weiter, tritt in das Grab hinein. Und hier sieht er noch mehr als Maria, mehr als der Lieblingsjünger: Am Kopfende liegt das Schweißtuch, das auf dem Gesicht des Toten lag. Fein säuberlich zusammengefaltet. Er zeigt es dem anderen und der versteht: Hier ist keiner eingedrungen. Der hier lag, ist aufgestanden, hat sein Bett gemacht, die Tücher zusammengefaltet und abgelegt. Ich bin dann mal weg. Hier ist nicht mehr sein Ort. Lasst die Toten ihre Toten begraben. Aber sie können sich keinen Reim darauf machen. Verstehen nicht, was das bedeutet. Sie bräuchten einen Engel oder ein Bibelwort. Siehe, euch ist heute der Heiland geboren, sagt der Engel in der Weihnachtsnacht. Und das habt zum Zeichen: Ein Kindlein in Windeln gewickelt. Abgewickelte Leinentücher sind das Zeichen an Ostern. Aber noch taucht kein Engel auf, es zu deuten. Sie gehen wieder weg, zurück in die andere Richtung, nach Hause. Still, in Gedanken, grübelnd. Nur Maria bleibt.

Diese Vorgeschichte ist verwirrend. Viel Hektik, Gerenne hin und her, ein Wettlauf, dann: Stopp! Einer sieht immer noch mehr als der andere, aber keiner kann sich einen Reim darauf machen. Diese Vorgeschichte macht keinen Sinn. Nur, dass ich mich darin erstaunlich gut wiederkenne und unsere Zeit. Wir sehen Sachen, die gab es noch nie: Alle mit Masken vor dem Mund, keiner darf sonntags in die Kirche. Kein Verreisen an Ostern. Unerhört! Da werden wir hektisch, suchen den Ausweg, die Lücke, rennen ziellos hin- und her, mal in die eine, mal in die andere Richtung. Mal Lockdown, mal Lockern. Erst Astra nur für die Jungen, dann Impftstopp, Kommando zurück, jetzt Astra nur für die Älteren. Wettlauf gegen die Zeit, Impfen gegen Mutanten, wer ist schneller? Welches Land impft am schnellsten, kommt am besten durch die Krise? Wer ist strenger beim Lockdown, wer ist schneller beim Lockern? Wer macht das Rennen um die Kanzler-Kandidatur?  Armin oder Markus? Anna-Lena oder Robert? Hase oder Igel? Wer ist dein Liebling? Am Ende gewinnt vielleicht keiner, sondern Ralf und Winfried? Maria war als erste am Grab und bleibt am Schluss. April, April. Wir lernen immer mehr über das Virus, aber den Durchblick hat noch lange keiner. Eine nervenaufreibende Geschichte, aber wir sind mitten drin und kommen nicht zur Ruhe. Und Jesus? Der ist einfach mal weg.

– Musik –

Die Jungs haben keinen Plan, aber viel zu tun, sie sind schnell wieder weg. Maria bleibt am Grab. Allein geblieben, allein gelassen. Da kommen ihr die Tränen. Endlich wagt sie es unter Tränen und schaut in das Grab hinein. Sie hofft, noch mehr zu sehen. Und da sind sie, die zwei Engel im Grab. „Frau, was weinst du?“ Und da tritt Jesus an sie heran: „Maria.“ Mir kommt es so vor – sie waren schon die ganze Zeit da, die Engel und der Gärtner im Hintergrund. Mit Engel ist es ja so eine Sache – meist sieht man sie nicht. Und den Auferstandenen Jesus auch nicht.  Er kam ja nicht einfach zurück und ging mit zum Frühstücken. „Rühr mich nicht an!“  – Das geht nicht. Ich fahre bald auf zum Vater. Ich bin nicht mehr von dieser Welt, aber in dieser Welt. Maria hat die Engel nicht gesehen. Petrus und der Lieblingsjünger haben sie nicht gesehen. Wie auch? Bei all dem Rennen, hin und her. Bei allem, was sie anschauten und deuteten: Den Stein, die Leinentücher, das Schweißtuch. Da blieben die Engel unsichtbar. Ich kann mir vorstellen: Der Gärtner hat sie schon längst angesprochen: Petrus! Maria! Johannes! Sie haben ihn überhört. Und dann waren die beiden Jungs schon wieder weg. Muss los! Nur Maria blieb. Sie weint und im Tränenschleier verschwimmt ihr alles vor Augen. Der Stein, die Tücher, das Schweißtuch. Etwas anderes sieht sie nun klar: Die Engel.

Vielleicht sehen wir die Engel, wenn wir es wie Maria machen. Sie sind schon nämlich längst da. Und der Auferstandene hat uns schon beim Namen gerufen: Matthias! Volker! Dorothea! Denis! Hast du ihn gehört? Ich habe ihn noch nicht gehört in dieser Woche. Ich bin gerannt von Pontius nach Pilatus. Vom Marktkauf zum Netto und zurück. Ich habe über Streaming nachgedacht und Internetseiten vollgeschrieben. Ich habe auf Coronazahlen geschaut und Impfkategorien. Ich wollte nicht der letzte sein, der online geht und der erste bei den Klickzahlen. Die Engel hab ich nicht gesehen und den Gärtner habe ich links stehen lassen. Muss weiter! Es gibt noch viel zu tun. Nein, es gibt nichts mehr zu tun. Es ist vollbracht. Er hat alles für mich getan. Es ist Zeit stehen zu bleiben. Es ist Zeit zu trauern. Bisher hab ich nur um die Reise getrauert, die nicht stattfand, den Kinobesuch, die Geburtstagsfeier, die ausgefallen ist. Wer hat um die Toten getrauert? Die an Corona gestorben sind? Bisher bin ich nur gerannt, den Entwicklungen hinterher, eingeholt habe ich sie nie. Es ist Zeit, stehen zu bleiben. Allein zu sein. Auf den Friedhof zu gehen. Aushalten, wenn die Traurigkeit kommt und die Tränen. Wen vermisst du? Was hast du verloren? Was ist kaputt gegangen? Was suchst du und kannst es nicht finden? Wovor läufst du davon? Hab keine Angst vor den Tränen. Wenn alles vor den Augen verschwimmt, wirst du klarer sehen: Die Engel, die am Grab der verloren Träume sitzen. Und du wirst ihn hören, den Auferstandenen, wie er dich beim Namen ruft und fragt: Was weinst du? Du kannst ihn nicht anfassen. Er ist nicht von dieser Welt. Aber lass dich von ihm berühren, im Herzen, bis es heilt. Sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund. Der Garten wird blühen für dich und die Amsel für dich singen, bis der Stein vom Herzen fällt. Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden. Amen.

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