Manche können nicht warten … – Predigt zum 1. Advent

Manche können nicht warten. Die halten es nicht aus und machen alle Türchen vom Adventskalender auf einmal auf und essen alles auf.  Manche durchsuchen alle Schränke und Ecken, vom Keller bis zum Dach, bis sie das versteckte Weihnachtsgeschenk gefunden haben und wissen, was es ist. Dann hat man Bauchweh und ein schlechtes Gewissen. Manche stellen jetzt schon den Weihnachtsbaum und die ganze Krippe auf.

Manche können einfach nicht warten. Die lassen die Maske einfach weg und sagen: Es gibt gar keine Gefahr, alles erfunden. Oder schimpfen auf die Politiker, die alles falsch machen. Schwenken die Reichsfahne vor dem Bundestag und halten sich für Widerstandskämpfer. Weil sie nicht warten können.

Natürlich ist es schwer zu warten. Bis Weihnachten ist es noch so lang hin! Auf Kläschen müssen wir noch ein ganzes Jahr warten, unvorstellbar lange! Und wenn man kein Geld verdient kann wegen Corona, ist es schwer zu warten, bis man endlich wieder aufmachen darf und etwas in die Kasse kommt. Es ist unerträglich vor dem Altenheim zu  warten und nicht hinein dürfen, weil dort gerade so viele krank sind und nicht mal aus ihrem Zimmer dürfen. Warten, aushalten ist schwer. Für Kinder und Erwachsene.

 

Aber, es ist noch nicht Weihnachten. Es ist Advent. Und Advent bedeutet warten. Es ist noch nicht Weihnachten. Es ist Winter, nicht Frühling. Es gibt noch keinen Impfstoff. Und Corona ist noch lange nicht vorbei. Es ist eine dunkle Zeit und da müssen wir durch. Es gibt keine Abkürzung. Und wenn man einen Kurzschluss versucht, Adventskalender auf einmal essen, einfach doch feiern mit allen, Fahne schwenken vor dem Reichstag. Dann wird kurz ganz hell, aber dann ist es umso dunkler. Schlechtes Gewissen nach dem Kalenderschlachten, nach der Feier kommt Intensivstation, nach dem Fahnenschwenken kommen Krieg und Trümmer, das wissen wir seit 1945.

 

Manche sind auch ungeduldig mit Gott. Wenn es gut läuft, ist alles in Ordnung auch mit dem Glauben. Aber wenn eine schwere Zeit kommt, ein Unglück, dann bitten sie Gott um Hilfe und dann soll es aber schnell gehen. O Heiland, reiß die Himmel auf! Wenn die Hilfe dann nicht gleich kommt, sagt mancher: Gott hat mich verlassen. Ich hab den Glauben verloren. Aber Advent heißt warten. Es ist nicht jeden Tag Weihnachten. Und in manchen Jahren fällt Weihnachten auch erst auf Ostern.

Bartimäus, der Blinde, der kann warten. Der ist ein Spezialist im Warten. Von dem können wir was lernen! (uns eine Scheibe abschneiden oder zwei.) Bartimäus hat es schwer. Er kann nicht arbeiten, nicht am Leben teilnehmen wie die anderen. Jeden Tag wird er an die Straße geführt zum Betteln. Da sitzt er von morgens bis abends. Der könnte auch aufgeben. Vor sich hindämmern den ganzen Tag. Das wäre normal. Er kann ja doch nichts tun, nichts sehen, nirgendwohin gehen. Aber Bartimäus nimmt wohl am Leben teil. Er lauscht. Und bekommt ganz viel mit, was vor sich geht. Und sein Glaube? Man könnte meinen Gott hat ihn verlassen, am Wegesrand vergessen. Es ändert sich nichts für ihn. Jeder Tag ist gleich. Aber das stimmt nicht. Gott sorgt für ihn. Menschen führen ihn an die Straße, helfen ihm. Menschen geben ihm etwas, zum Leben. Das ist nicht großartig, wirklich kein schönes Leben. Aber es genügt. Gott zahlt aus in kleiner Münze. Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen, muss jede Nuss einzeln suchen, vergraben und wieder ausgraben im langen Winter. Seht die Vögel unter dem Himmel. Körnchen für Körnchen müssen sie suchen und picken.  Aber euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Es ist nicht schön, dass Kläschen erst wieder nächstes Jahr ist. Aber vielleicht ist es genug? Wir werden nicht zugrunde gehen, wenn wir warten. Gott hat uns nicht vergessen. Er zahlt nur aus in kleiner Münze. Advent heißt Warten.

Bartimäus ist nicht resigniert. Er hat Hoffnung, dass sich etwas ändern kann. Er hält die Ohren offen, lauscht. Er verfolgt genau was Gott tut, in diesem Fall: Jesus. Der heruntergekommene Gott. Bartimäus hört: Jesus ist in der Stadt. Er hört ihn näher kommen, gleich ist er da!  Bartimäus muss kämpfen, wenn er nicht geschrien hätte, wäre Jesus vorbei gegangen. Die Leute sagen ihm, er stört, er soll still sein. Aber er schreit um so lauter. Und als Jesus stehen bleibt, ihn ruft, da wirft er seinen Mantel weg und geht auf Jesus zu.  

Liebe Gemeinde, wir müssen auch unsern Mantel wegwerfen. Der Mantel, das ist die Resignation, die Ungeduld, der blindwütige Frust.   Das müssen wir ablegen. Stattdessen  aufstehen und vorsichtig tastend wie ein Blinder mit seinem Stock, auf Gott zugehen. Auf die Möglichkeit, die er uns gibt. Und Jesus, Gott in Person, was tut er nun? Er weiß doch, was dem Blinden fehlt. Ein Wort von Jesus genügt, eine Handbewegung und Bartimäus würde sehend. Auch hier heißt es Warten. Jesus verzögert. Fragt:  Was willst du, dass ich für dich tun soll? Das Zögern ist wichtig, das warten. Damit Bartimäus gut überlegt, was er braucht. Kein Kurzschluss. Kein großes Fressen mit Übelkeit danach. Kein Fahnenschwenken. Was willst du? Was brauchst du? Überleg es dir gut. Dann kommt die Zeit, wo dir geholfen wird. Liebe Gemeinde, eigentlich sind wir Spezialisten im Warten. Wir wissen, wie das geht -Advent. Tannenzweige aufhängen, aber nicht den ganzen Baum aufstellen. Maria und Josef machen sich auf den Weg, irgendwo in der Wohnung, die Krippe steht noch nicht. Eine Kerze brennt heute am Kranz, aber die drei anderen nicht. Wir machen jeden Tag nur ein Türchen auf. Das macht Hoffnung. Ein Vorgeschmack von Weihnachten, und wir wissen genau: Es wird kommen. Gott ist unterwegs, Jesus wird zur Welt kommen.

Wir können Advent. Wir können warten. Das müssen wir nur anwenden auf das andere, auf das wir warten: Ein Ende von Corona, das Ende meiner persönlichen Krise, sich wieder gut fühlen, wieder feiern mit allen. Gott hat uns nicht vergessen. Er zahlt nur aus in kleiner Münze. Solange heißt es lauschen, hoffen, am Leben teilnehmen. Wunschzettel schreiben. Bis er kommt und dich ruft. Was willst du, das ich für dich tun soll? Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

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