Keine Katastrophe, sondern ein Weg… Jesu, geh voran!

Predigt vom WDR-Radio-Gottesdienst am 15. März 2020

Anna ist 20 und zurzeit mit ihrem Freund in Australien. Die beiden fahren ohne festen Wohnsitz durchs Land und schlafen im Auto. Wenn das Geld knapp wird, suchen sie Arbeit. Erdbeeren pflücken oder Tiere zerlegen im Schlachthof. Dann geht es weiter an den Strand oder in die Wüste. Sie wollen gucken, wie das geht: ohne Eltern in der Nähe und weit weg von der kleinen Stadt, wo sie alles kennen. Die Welt sehen, Erfahrungen machen, die eigene Kraft spüren. Wenn sie wiederkommen, sind sie erwachsen. Wenn sie wiederkommen! 

Jürgen ist in den besten Jahren. Verheiratet, drei Kinder. Ein guter Job, aber viel Druck. Einmal im Jahr ist er weg. Fliegt mit seinen besten Freunden nach Spanien und geht den Jakobsweg. Tagelang zu Fuß unterwegs von Herberge zu Herberge. Am Tag Staub und Hitze, nachts Stockbetten im Schlafsaal. Aber das stört ihn nicht. Der Alltag ist weit weg, der Kopf wird frei und der Körper freut sich über die Bewegung. Er kommt zur Besinnung. In den Kirchen am Wegesrand kann er beten.

Einer sprach zu Jesus: Ich will dir folgen, wohin du gehst. Was ist das für einer? Ein junger Kerl, der raus will aus dem Dorf? Oder einer im mittleren Alter, der eine Auszeit braucht von Familie und Beruf? Womöglich einer, der seine Ehe ruiniert hat, seinen Job vor die Wand gefahren und weg will? Wir wissen es nicht.

Jesus bremst ihn: Die Füchse haben ihren Bau, die Vögel ein Nest. Wer mit mir geht, hat kein Dach über dem Kopf, keinen Ort wo er hingehört. Weißt du, worauf du dich einlässt? Das ist kein Kindergeburtstag und kein Interrail-Ticket. Kein Selbstfindungstrip, keine Flucht. Wir sind auf dem Weg nach Jerusalem. Es wird ernst! Und gefährlich. Vielleicht kommen wir nicht wieder.

Liebe Gemeinde, es wird ernst. Das ist jedem klar, spätestens an diesem Wochenende, wo sogar Gottesdienste abgesagt werden. Anna kommt jetzt schnell nach Hause und Jürgen sagt den nächsten Spanientrip ab. Aber hier ist nichts mehr wie es war. Die gewohnte Sicherheit – weg. Wir haben keinen Ort mehr, wo wir sorglos unser Haupt hinlegen können.

So ist es, sagt Jesus. Jetzt kommt es drauf an. Steckt nicht den Kopf in den Sand. Geht hin
und bewährt euch. Haltet Abstand und seht zugleich, wer Hilfe braucht. Macht euch einen Kopf, aber macht euch nicht verrückt. Das ist heute der Weg nach Jerusalem. Mein Weg und euer Weg. Geht mit mir und ich geh mit euch. Es wird gehen! Denn Gott legt uns eine Last auf, aber er hilft uns auch.

Teil 2

Als meine Mutter gestorben ist, haben wir Geschwister sie begraben. Natürlich, selbstverständlich! Die Toten würdig begraben, das ist eine heilige Pflicht.
Jetzt fordert Jesus einen auf: Folge mir nach! Aber da hat er wohl danebengegriffen: Dieser kann nicht mitgehen, er muss seinen Vater beerdigen! Nein, sagt Jesus, lass das. Das können deine Geschwister tun oder die Nachbarn. Ich brauch dich jetzt: Geh und verkündige das Reich Gottes.
Mhhm. Kann Jesus nicht einfach zugeben, dass er den falschen angesprochen hat? Hält er sich für unfehlbar? Verlangt Gehorsam, statt sich zu entschuldigen? Stellt sich über das Gesetz und Gottes Gebot? Jesus – ein Rechthaber, dem nichts heilig ist?
So ist Jesus vielen vorgekommen. Wo kommen wir hin, wenn jeder das tut – Jesus nachfolgen und die Familie im Stich lassen? Deshalb wird es für Jesus auch ernst in Jerusalem. „Besser, ein Mensch stirbt, als dass das ganze Volk verdirbt.“ (Joh 11,50) Deshalb wird Jesus vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt.

Nun, Jesus sagt nicht zu allen: Lasst das. Ihr braucht eure Eltern nicht begraben. Er sagt es zu diesem einen. Vielleicht war das bei ihm genau richtig?

Ich kenne einen, da hat Papa getrunken und geschlagen, bis Mama sich ein Herz fasste und wegging. Wenn bei dem eines Tages das Amt anruft und sagt: Ihr Vater ist gestorben, bitte kümmern sie sich um die Beerdigung. Dann ist das vielleicht zu schwer und er wird sagen: Nein. Ich muss mich um meine Kinder kümmern, das ist wichtiger. Vielleicht sagt Jesus dann auch zu ihm: Lass es. Du musst das nicht tun. Kümmere dich lieber um die Lebenden.

Ich kenne eine andere da sagt der Vater: Du musst die Firma übernehmen. Obwohl die Tochter dabei unglücklich ist, ihr Leben verpasst. Jesus würde ihr den Rücken stärken und sagen: Lass das! Lass den Vater seine toten Pläne begraben, statt sie dir aufzuladen. Ich brauche dich anderswo.

Hier in der Gemeinde hatten wir Schönes vor in der nächsten Zeit! Das Konzert nächsten Sonntag. Eine Buchvorstellung mit Ehrengästen, die Chorfahrt nach Berlin, alles abgesagt. Sogar die Ostergottesdienste fallen aus. Diese Träume müssen wir begraben. Traurig!
Lass das, sagt Jesus. Keine Zeit zu trauern! Ich brauche euch jetzt für etwas anders. – Ja, Jesus, wozu denn? – Bleibt zu Hause, wenn es geht. Geht raus, wenn ihr gebraucht werdet. Betreut die Kinder, die sich langweilen. Kauft ein für die in Quarantäne. Muntert die Einsamen auf. Beruhigt die Ängstlichen. Ich weiß ja: In der Welt habt ihr Angst. Aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.

Teil 3
Zu Hause hatten wir einen Gemüse-Garten. Wenn die Kartoffeln gepflanzt waren und die grünen Triebe aus der Erde guckten, musste man sie anhäufeln. Es gab einen Pflug mit einer einzigen Pflugschar und zwei Handgriffen. Die musste man fest packen und zwischen den Reihen durch den Boden ziehen. Dann entstand eine Furche und um die Pflanzen wurde die Erde angehäuft. Dazu brauchte ich meine ganze Kraft, denn der Pflug war schwer und die Erde fest. Man musste aufpassen, dass die Furche gerade wurde, denn sonst machte man leicht Schlangenlinien und man grub die Pflanz-Kartoffeln gleich wieder aus.
Eigentlich war es das Hobby meiner Eltern. Ich hätte lieber in der Sonne gesessen, als im Garten zu schwitzen. Hausaufgaben gemacht oder einen Freund besucht. Aber ich habe es durchgezogen und die Ernte war dann herrlich: Wenn man mit der Mistgabel die Kartoffeln aus der Erde holt und es sind viele große, goldgelb. Oder morgens früh in den Garten, Erdbeeren pflücken und gleich in den Mund stecken, das ist das Beste, das man sich vorstellen kann. Ganz zu schweigen von den Gurken und Tomaten aus dem eigenen Garten: die schmecken.

Jesus ist schon fast fort, weiter nach Jerusalem. Da kommt zuletzt noch einer angelaufen. Herr, ich will auch mit dir gehen, aber! Ich will, aber! Ja, was willst du denn nun? Von der Familie Abschied nehmen. Ach so. Das kann man schlecht abschlagen. Das ist ein Bedürfnis und gehört sich so. Nein, sagt Jesus, damit kann ich mich jetzt nicht aufhalten. Ich muss nach Jerusalem. Entscheide dich! Hü oder hott. Komm mit oder bleib.

Ich frage mich, was für eine Familie ist das? Was für ein Abschied wäre es? Würden Sie dem Sohn und Bruder Ihren Segen geben? Oder würden Sie jammern und klammern? Ich mach mir solche Sorgen. Dieser seltsame Jesus. Das geht nicht gut. Wie sollen wir ohne dich? Du lässt uns im Stich. Verlorener Sohn, schwarzes Schaf. Wenn man da weg will, muss man sich losreißen. Mancher bricht den Kontakt zur Familie ganz ab. Mit guten Gründen. Weil er nur so loskommt aus Verstrickung und falscher Verpflichtung.

Dieser eine ist hin- und hergerissen. Jesus empfiehlt ihm: Geh nach vorn. Du hast ein Feld zu bestellen, ein Leben zu leben. Das braucht deine ganze Aufmerksamkeit. Es wird nicht einfach! Im Gegenteil: Anstrengend, unbequem. Es wird weh tun. Aber du wirst wachsen und dein eigenes Leben leben. Schau, wo Gott dich braucht. Dann wird die Ernte groß sein.

Was wäre, wenn diese Pandemie nicht eine einzige Katastrophe ist. Nicht nur eine ernste Gefahr, nicht nur ein Stillstand. Sondern ein Weg, auf den Gott uns ruft? Ein Feld, das wir zu bestellen haben?

Besonnen handeln, sich zurücknehmen, verzichten. Aufeinander achten. Sich helfen. Auf einmal viel Zeit haben füreinander und zum Gespräch mit Gott.
Das ist kein Kindergeburtstag und kein Selbstfindungstrip. Es schmerzt: schöne Pläne aufzugeben, der Angst standzuhalten. Es ist mühsam, den Alltag anders zu organisieren. Aber es ist der Weg, auf den Gott uns ruft. Auf dem er uns vorangeht und weiterhilft. Es lohnt sich, ihn zu gehen.
Paulus sagt das so: Wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung. Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden. Denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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