Schwester Ursula und Scholastika zu Gast in St. Marien

„Wie Engel Gottes“ wurden die Dominikanerinnen aus Lande bei Minden 1306 in Lemgo empfangen – und ihre Nachfolgerinnen aus Arenberg bei Koblenz ebenso am 1. März zur Eröffnung des Jubiläums „700 Jahre St. Marien zu Lemgo“. Schwester Dr. Ursula Hertewich OP hier die Predigt über „Versuchung“ und das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes zum assistierten Suizid. Hier der Wortlaut:

Liebe Schwestern und Brüder, „Ich will selbstbestimmt leben.“ – Wer von uns, die wir uns heute Morgen hier versammelt haben, würde diesen Wunsch nicht aus ganzem Herzen bejahen? Tatsächlich ist der Gedanke an selbstbestimmtes Leben in der heutigen Zeit fast ausschließlich positiv besetzt – Selbstbestimmung verbinden wir fast automatisch mit gelingendem Leben, Freiheit, Wirksamkeit und ontrolle. Ich wage sogar zu behaupten, dass Selbstbestimmung bzw. Autonomie in unserer westlichen Welt zum Ideal menschlichen Lebens geworden ist. Es ist ja auch kein Wunder: in einer Welt, die uns gefühlt feindlich gegenüber steht, in der wir so oft erleben, dass Vertrauen missbraucht wird, ist es nur ratsam, sich selbst zu schützen und nicht in irgendwelche falschen Abhängigkeiten hinein zu geraten. Selbstbestimmung ist großartig, definitiv! Je mehr desto besser, auf jeden Fall! Wie ich in der vergangenen Woche merkte, ist die Sehnsucht nach selbstbestimmtem Leben allerdings noch nicht das Ende der Fahnenstange. Dem Recht auf selbstbestimmtes Leben hat das Bundesverfassungsgericht in verführerisch logischer Konsequenz noch eins draufgesetzt: Das Recht auf selbstbestimmtes Sterben. „…die getroffene Entscheidung des Einzelnen, seinem Leben entsprechend seinem Verständnis von Lebensqualität und Sinnhaftigkeit der eigenen Existenz ein Ende zu setzen, ist im Ausgangspunkt als Akt autonomer Selbstbestimmung von Staat und Gesellschaft zu respektieren.“ lese ich da, und: „Der Gesetzgeber muss dabei sicherstellen, dass dem Recht des Einzelnen, sein Leben selbstbestimmt zu beenden, hinreichend Raum zur Entfaltung und Umsetzung verbleibt.“ Ich gestehe, diese Zeilen und die darauffolgende ausführliche Begründung lassen mir das Blut in den Adern gefrieren, und mir wird bewusst, mit welch dramatischen „Nebenwirkungen“ ein überzogener Wunsch nach Selbst-Wirksamkeit, Selbstbestimmung verbunden ist. Wohlgemerkt, in diesem Urteil ist nicht mehr nur die Rede von einem assistierten Suizid in Grenzsituationen, sondern von einem Recht auf Suizid in Lebenssituationen, die sich für die Betroffenen als nicht lebenswert erweisen. In Kombination mit dem Wissen darum, wie viele Menschen gerade in unserer Gesellschaft vereinsamen und niemanden an ihrer Seite haben, der ihre Trostlosigkeit mit aushält, möchte ich gar nicht wissen, wie viele Menschen sich von diesem freizügigen Angebot eingeladen fühlen, einen schnellen Ausweg aus ihrer hoffnungslosen Misere zu wählen. Ich bin Dominikanerin genug, um zunächst einmal kein menschliches Bedürfnis zu verteufeln. Den Wunsch nach Emanzipation, Selbstbestimmung, Freiheit und Selbstkontrolle trage auch ich im Herzen. Diese Bedürfnisse dienen dem Weg  unserer Menschwerdung und lassen uns zu aufgerichteten Persönlichkeiten heranreifen. Aber gleichzeitig nehme ich war, dass genau diese Bedürfnisse häufig zu Einfallstoren werden, durch die sich Böses in unser Leben schleicht. Wir haben eben in den beiden Lesungen aus dem Buch Genesis und dem Matthäus- Evangelium gleich zwei Versuchungsgeschichten gehört, die mir vorkommen wie zwei unterschiedliche Pole, zwischen denen sich unser Mensch-Sein entspannt: Da sind zunächst Adam und Eva im Paradies. Den beiden wurde liebevollst von Gott Lebensatem eingehaucht, sie befinden sich in einem Garten voller Bäume mit köstlichen Früchten, gesicherter Wasserversorgung, wohlriechenden Harzen zur Wundheilung und nicht zu vergessen: reichen Gold- und Edelsteinvorkommen. Kein Blatt passt zwischen Adam und Eva, nackt laufen sie durch den Garten Eden, ohne sich voreinander oder gar vor Gott zu schämen. Das Ende dieser Geschichte hätte tatsächlich sehr happy sein können, doch bereits wenig später kommt eine neue Qualität ins paradiesische Leben: Das Misstrauen. Es ist die Schlange, die plötzlich Begehrlichkeiten weckt. Sie suggeriert der Frau, dass Gott sie nur kleinhalten will, wenn er ihnen verbietet, von einem einzigen Baum des Paradieses nicht zu essen. Und plötzlich rückt er in den Mittelpunkt des Interesses, dieser seltsame Baum der Erkenntnis. Auf einmal ist er da, der Reiz des Verbotenen: „Da sah die Frau, dass es köstlich wäre, von dem Baum zu essen, dass der Baum eine Augenweide war und dazu verlockte, klug zu werden.“ Sie fackelt nicht lange, verlässt ohne große Not den  gesunden Boden der vertrauensvollen Beziehung, isst von dem Baum und gibt obendrein auch ihrem Mann davon zu essen. Selbstbestimmung 1.0 – Emanzipation ist angesagt! Die großartige „Erkenntnis“ folgt auf dem Fuß, denn mit einem Schlag werden Adam und Eva sich ihrer Nacktheit bewusst, schämen sich in Grund und Boden, bedecken ihre Blöße mit Feigenblättern und beginnen, sich vor Gott zu verstecken. Zusammen mit der Sünde hält die Angst vor Gott Einzug in den Garten Eden und bereitet den paradiesischen Zuständen ein jähes Ende. Der Symbolgehalt dieser Erzählung aus dem Buch Genesis ist gewaltig, und veranschaulicht auf einmalige Weise, wie es überhaupt dazu kommt, dass wir Menschen so oft Dinge tun, die uns später reuen. Am Anfang steht der Mangel – sei es ein gefühlter oder auch tatsächlicher Mangel – an Liebe und Vertrauen. Verbunden mit dem Gefühl, mein Schicksal selbst in die Hand nehmen zu müssen,  ist die Verlockung riesig, zu schnellen, einfachen Lösungen zu greifen, statt schwierige Situationen durchzutragen und mit offenen Fragen und Spannungen leben zu lernen. Anstatt die eigene Wahrheit und Größe im Lichte Gottes zu erkennen, lassen wir uns blenden von falschen Versprechungen, die uns vorgaukeln, selbst den Himmel auf Erden bereiten zu können. Es sind Lügen und Halbwahrheiten, die uns auf Abwege bringen und dazu führen, dass wir uns von uns selbst, von unseren Nächsten und von Gott entfremden. Weder Adam noch Eva können am Ende selbst-bewusst zu ihrer Tat stehen und schieben die Schuld jeweils dem anderen in die Schuhe. Dann – im Matthäus-Evangelium – wird uns quasi der Gegenpol zu diesem Abgrund vor Augen geführt. Vor seinem ersten öffentlichen Auftreten, bevor er den Menschen zu predigen beginnt, begibt sich Jesus in Wüste. Übrigens nicht selbstbestimmt, es ist ausdrücklich erwähnt, dass er vom Geist geführt wird. Vierzig Tage und vierzig Nächte lang setzt er sich aus: Dem Mangel an Orientierung, dem Mangel an Nahrung und Wasser, tagsüber der sengenden Hitze, nachts der eisigen Kälte. Vierzig Tage und vierzig Nächte ist er auf sich selbst zurückgeworfen und radikal konfrontiert mit seinen urmenschlichen Bedürfnissen. Und dann tritt der Versucher an ihn heran. Das ist der Moment im Evangelium, wo es mich jedes Mal innerlich erschüttert und ich am liebsten schreien möchte: Der arme Jesus!! Aber Jesus widersteht. Er widersteht der Versuchung, selbst aus Steinen Brot zu zaubern statt sich von seinem Schöpfer nähren zu lassen. Er widersteht der Versuchung, sich selbst und seine Gottheit zu beweisen und sich spektakulär von der Tempelzinne zu stürzen. Und er widersteht mit geradezu sensationeller Klarheit der Verlockung, sich vor dem Teufel niederzuwerfen, um so der Welt Herr zu werden. „Dann kamen Engel und dienten ihm“ – so berichtet uns der Evangelist: Paradiesische Zustände an einem Ort des Mangels… Gott hat uns Menschen nicht als Marionetten geschaffen. Die Eigenschaft, selbst Ihm, unserem Schöpfer widerstehen zu können, zeichnet unser Wesen aus. Auch wenn ich persönlich mich manchmal etwas scherzhaft frage, ob unser Schöpfer es sich gut „überlegt“ hat, uns mit der Fähigkeit zu sündigen ins Rennen zu schicken, kommt für mich gerade in diesem Punkt etwas von unserer tiefsten Würde und Gottesebenbildlichkeit zum Ausdruck. Denn ohne die Option, auch selbstbestimmt nein zu sagen, könnte ich niemals in Freiheit mein Ja sprechen, wäre ich nicht fähig, zu lieben. Ohne die Möglichkeit Gott zu widerstehen, könnte ich mich auch nicht bewusst für ihn entscheiden. Die Liebe Gottes ist existentiell frei lassend. Und so ist es vielleicht der fatalste Trugschluss menschlichen Lebens, dass wir uns erst von Ihm und Seinen Geboten emanzipieren müssen, um selbstbestimmt in dieser Welt leben zu können. In Jesus wird uns der Mensch vor Augen geführt, der sich mit jeder Faser seines Seins mit Gott verbunden hat. „Er war in allem uns gleich, außer der Sünde“, so beschreibt es der Verfasser des Hebräerbriefes (vgl. Hebr 4,15). Und ich wage zu behaupten, dass niemals zuvor und danach ein Mensch auf dieser Welt gelebt hat, der derart selbstbestimmt und frei war wie er.Die Liebe Gottes lässt frei in der Bindung, ein Paradox, in das wir wahrscheinlich ein ganzes Leben lang hineinzuwachsen haben. Vielleicht ist es unsere größte Herausforderung als Menschen, uns dieser bedingungslosen, zuvorkommenden Liebe immer wieder neu von ganzem Herzen anzuvertrauen, auch und gerade in den Situationen, in denen wir uns in Lüge und Hass verstrickt haben. Die Liebe Gottes beschämt nicht, sie entfremdet nicht, sie macht uns nicht klein. Es gibt tatsächlich keinen Grund, uns nicht in jedem Augenblick unseres Lebens Seinem liebenden Blick zu öffnen. Für mich ist es ein großes Geschenk und eine Freude, heute Morgen an diesem Ort predigen zu dürfen, wo sich seit 700 Jahren Menschen versammeln, um Gott die Ehre zu geben, sich von Ihm anschauen und heilen zu lassen. Und ich lade Sie ein, dass wir uns Ihm heute noch einmal ganz neu anvertrauen, Ihm, dessen tiefste Sehnsucht es ist, dass wir das Leben haben und es in Fülle haben (vgl. Joh 10,10). Amen.

   

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