Heute schon von gestern sein – Silvester-Predigt

Wenn Sie bei Brasseler und Möbelhaus Reese den Berg runterfahren und an der Kreuzung vor der Ampel warten müssen, sehen Sie gegenüber am Bahnübergang n einem Stromverteilerkasten mit Farbe aufgesprühte diese Worte: „Du fragst mich: Was geht? – Ich frag dich: Was bleibt?“ Ich komme dann immer ins Grübeln, sowie auch an jedem Sylvesterabend. Was geht? Ein altes Jahr geht und vieles mit. Vieles kommt nicht wieder. Ein Stück Lebenszeit, ein Stück Kraft und Gesundheit. Ein Mensch, der wegzog, auszog, heimging? Manches habe ich hinter mir gelassen, gut, dem weine ich nicht nach. Es hatte seine Zeit und die ist um. Es war schön und ok, aber nun steht anderes an. Und wenn du ein Problem nicht lösen kannst, dann lös dich lieber vom Problem. Aber was bleibt? Was haben wir erreicht, was kann uns keiner nehmen, selbst die Zeit nicht? Was wir erlebt haben, kann uns keiner nehmen. Einmal gut gelebt gedenkt man ewig! Dieser tolle Urlaub, dieser schöne Ausflug. Dies Familienfest, dies Jubiläum. Was du da für mich getan hast, werde ich dir nie vergessen! Du bist mein Mensch des Jahres 2019, mein Lieblingsmensch. Manches bleibt.

Und was geht jetzt? Was geht los, endlich, was ist möglich dies neue Jahr, was wollen wir angehen, lostreten, erreichen? Den Schulabschluss, den Führerschein, die erste eigene Wohnung? Den neuen Job, das nächste Level. Die Rente, ein Enkelkind. Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an. Wenn die Kinder aus dem Haus sind und der Hund gestorben, dann fängt das Leben an. Noch einmal an die See, in die Berge? 2020 geht jetzt los, gehst du mit? Aber wie gehen wir´s an? 

Ich will, dass einer mit mir geht, der´s Leben kennt, der mich versteht. Der mich zu allen Zeiten kann begleiten ich will dass einer mit mir geht! Einer geht mit: Siehe, ich bin bei euch alle Tage. Er geht mit ins neue Jahr: Jesus Christus, gestern, heute und derselbe auch in Ewigkeit. Mit Jesus gehen, Jesus nachfolgen, das ist ganz schön von gestern, old school.

Ach, wär ich doch von gestern. Wär ich ihm doch damals selbst begegnet dem Jesus von Nazareth. Hätte er mir doch die Hand aufgelegt, dass ich es spüre – die Kraft die von ihm ausging.  Hätte er mir in die Augen geschaut, meinen Namen gesagt, das Wort gesprochen, das gerade ich brauche. Sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund. Dann wäre mir geholfen. Dann könnte ich leichter an ihn glauben. Aber so trennen uns 2000 Jahre. „Das ist der garstige breite Graben, über den ich nicht kommen kann, so oft und ernstlich ich auch den Sprung versucht habe. Kann mir jemand hinüber helfen, der tu es; ich bitte ihn.“ (Gotthold Ephraim Lessing) Was hilft mir der Jesus von gestern, den ich nicht erreiche? Er hat seine Wunder getan an anderen Menschen, die früher gelebt haben. Hat seine Worte zu ihnen gesprochen, nicht zu mir. Sie sind  längst verhallt. Jesus Christus war gestern. Aber: Der garstige Graben tat sich schon damals auf bei den Menschen, die ihm begegnet sind. Die einen sahen einen Menschen, Rabbi, Wanderprediger, Heiler, Messiasanwärter. Interessant, ärgerlich, normal. Davon hat man schon viele gesehen, Religionsstifter, begnadete Verrückte. Sie kommen und gehen. Die Welt bleibt wie sie ist. Nach einer Rede  Jesu heißt es: „Von da an wandten sich viele seiner Jünger ab und gingen hinfort nicht mehr mit ihm .“(Joh 6,66) Selbst als der Auferstandene sich zeigt auf dem Berg in Galiläa, und die Jünger auf die Knie fallen vor dieser überirdischen Erscheinung heißt es: „Einige aber zweifelten.“ (Mt 28,17) Einige aber glaubten. Sahen in ihm Gott, der bei den Menschen wohnt und mit ihnen geht. Ewigkeit an einem Punkt in der Zeit. Das Wort das Fleisch geworden. Das Licht, das in der Finsternis leuchtet. Ein Fenster zum Himmel. Zwischen denen, die das an Jesus sahen und denen, die es nicht sahen, verläuft der breite Graben. Zwischen den Momenten, wo das aufstrahlt und erkannt wird und denen. wo da nur eine gewöhnlicher Mensch ist, da  verläuft der Graben. Und es führt keine Brücke darüber. Wer springen will, wer springen soll,  fällt hinein. Mind the gap! Der Graben schließt sich manchmal, du wirst hinüber gehoben. Dann ist gestern heute, Jesus Christus derselbe gestern heute und in Ewigkeit. Dann sind Zeit und Raum aufgehoben, wie im Himmel. Ich kenne einen Menschen, schreibt Paulus, und er spricht wohl von sich selbst, der wurde entrückt in das Paradies und hörte unaussprechliche Worte, die kein Mensch sagen kann. Sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund. Das Ewige, das göttliche, das sie in Jesus gesehen haben, haben sie hineinerzählt in die Geschichten von ihm. Sie sind uralt und taufrisch zugleich. Weil sie heuet erzählt werden und im Herzen bewegt. Sie sind von gestern aber heute lebendig, Sei schlagen die Brücke nach morgen bis in die Ewigkeit.

Jesus ist jederzeit da. Wir brauchen nur die Bibel aufschlagen und die Geschichten lesen. Hieroglyphen sind unter Wüstensand begraben, Pergamentrollen bröckeln und Papier verbleicht. Wer hat noch einen Kassettenrekorder oder ein Diskettenlaufwerk? Geschichten, die zu Herzen gehen sind das dauerhafteste Medium. Weil sie erzählt und erinnert werden. Von gestern heute lebendig. Uralt und taufrisch. Wenn wir heute von Jesus hören, kann es geschehen. Durch Gottes Gnade, nicht durch unser Vermögen, dass sich der Graben schließt. Er überschreitet ihn und tritt mitten unter uns. Jesus Christus heute. Kommt durch verschlossene Türen in harte Herzen. Spricht das Wort, macht deine Seel gesund. Du wirst versetzt in das Paradies. Die Liturgie, der Ablauf unseres Gottesdienstes rechnet damit, wenn sie uns singen lässt: Ehre sie dir, Herre! Wenn die Lesung einer Jesus-Geschichte aus dem Evangelium angekündigt wird, dann begrüßen wir nicht einen Abschnitt Bibel. Wir begrüßen Jesus, der in unsere Mitte tritt mit und durch diese Geschichte: „Lob sei dir, o Christe!“.

Bleibe bei uns, Herr, denn es will Abend werden und das Jahr hat sich geneigt. Er bleibt bei uns. Deshalb geht was im neuen Jahr. Lasst uns heute schon von gestern sein, old school mit Jesus Christus, dann sind wir für bereit für morgen. Amen.

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