Mehr „Josef“ wagen! – Heiligabend-Predigt

In der St.-Marien-Kirche in Lemgo gibt es einen Josef. Nicht leicht zu finden, auf der Rückseite dieser Säule an der Kanzel. Das passt zu ihm. Josef ist der in der zweiten Reihe, der nichts sagt. Der die Windeln wäscht, Ochs und Esel füttert, Hirten und Königen die Türe aufmacht. Josef ist der, der die Flucht nach Ägypten organisiert. Still bescheiden im Hintergrund, aber unersetzlich. Eigentlich hatte er anderes vor. Nah bei Nazareth lag eine Stadt. Sepphoris wurde gerade zur Provinzhauptstadt ausgebaut. Bauboom, viel gute Arbeit für Zimmerleute. Josef wollte jetzt durchstarten, sich selbstständig machen, große Aufträge ergattern, Leute einstellen. Ein paar Jahre richtig reinhauen, dann wäre er ein gemachter Mann. Josef wollte auch heiraten, eine Familie gründen, mit Maria, verlobt waren sie schon. Josef hält etwas auf seine Abstammung – aus dem Stamm Davids, ein Nachfahre des großen Königs. Aus seinem Stamm soll eines Tages der Messias kommen, der König der Israel befreien wird von der römischen Besatzung. Solange gilt es, die Traditionen zu bewahren, sich ihrer würdig zu erweisen! Und einen Stammhalter braucht er, der bei ihm in die Lehre geht und mal die Firma übernimmt. 

Aber dann das: Maria wird schwanger, aber nicht von ihm. Aus heiterem Himmel schlägt der Blitz ein in den schönen Stammbaum. Er hat nichts getan und bekommt die Maximalstrafe. Was ist da passiert? Man kann an ein Wunder glauben. Man kann auch irdische Vermutungen anstellen: Die römischen Soldaten die das Land besetzt halten – sie haben Waffen in der Hand und nehmen sich, was sie wollen – auch junge Frauen. Vielleicht gab es einen übergriffiger Onkel, das schwarze Schaf in der ehrbaren Familie. Metoo, Mary too. Wer weiß? Die Bibel gibt keinen Hinweis darauf. Aber über solche Dinge spricht man ja auch nicht. Nun ist Maria Lebensgefahr. Auf Ehebruch steht die Todesstrafe. Josef könnte sie anzeigen, aber das will er nicht. Er will ihr nichts Böses. Er ist fromm und gerecht. Aber er will auch nicht Vater eines fremden Kindes sein. Das passt nicht in sein Bild von Familie, in seine Pläne. Er überlegt die Verlobung aufzulösen, wegzugehen, wo anders neu anzufangen.

Dann kommt es doch anders. Josef wird ein anderer. Er entscheidet sich, bei Maria zu bleiben, sie anzunehmen und ihr Kind als seines. Er adoptiert es, und so wird es doch sein Kind, ein Davidssohn. Josef wird ein anderer, nicht stolzes Familienoberhaupt und Handwerksmeister, sondern Türöffner und Windelwäscher im Hintergrund. Josef ist nicht mehr der Alte. Erst ist er brav nach Bethlehem gegangen, ließ sich zählen und eintragen in die Steuerliste. Dann aber umgeht er seinen König. Macht Dinge, an die er im Traum nicht gedacht hat, die anständige Leute nicht machen. Versteckt sich vor dem König, sucht zwielichte Leute auf, die Pässe fälschen, bezahlt Schlepper, geht nachts über die Grenze. 

Auch Josefs Träume sind nun andere. Er träumt nicht mehr vom Karriere und Erfolg als Patriarch und Firmenchef. Er träumt von einem Engel, der ihm sagt:  Josef, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen; denn was sie empfangen hat, das ist von dem Heiligen Geist.  21 Und sie wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden. Josef träumt von einem Engel, der sagt: Steh auf, nimm das Kindlein und seine Mutter mit dir und flieh nach Ägypten und bleib dort bis ich dir´s sage, denn Herodes hat vor, das Kindlein zu suchen, um es umzubringen.

Als sie nach Jahren zurückkehren nach Nazareth, da haben andere das Rennen gemacht. Die großen Aufträge bekommen, die florierenden Betriebe aufgebaut. Josefs Sohn wird kein Zimmermann, sondern: ein Hirte. Er verlässt Nazareth und zieht durchs Land mit seiner selbstgewählten Familie. Sucht verlorene Schafe: Menschen, die ihn mehr brauchen als seine Familie.

 Musste das so sein? Ja, das musste wohl so sein. Wenn Gott in die Welt kommt, dann wächst er nicht allmählich aus einem langem Stammbaum hervor. Dann schlägt der Blitz ein, senkrecht von oben, auch wenn das den Stammbaum zerlegt und verstört. Wer die Welt erlösen will, kann nicht Hüter einer Tradition sein, er muss mit dem alten brechen, damit neues aufbricht und wächst. Es kommt nicht darauf an, aus welcher Familie du kommst. Welche Gene und Hautfarbe du hast. Sondern wes Geistes Kind du bist. Gottes Familienbande sind nicht Fleisch und Blut, sondern Geist und Wahrheit.

Und Gott kann aus ganz unklaren Verhältnissen, aus dunklen Geheimnissen und traumatischen Erfahrungen Klares gutes wachsen lassen. Leben, das anders verläuft als geplant, mit Brüchen kann Sinn bekommen und Klarheit. Bei Gott geht’s göttlich zu, anders als gedacht. Du kannst dich nicht selbst erlösen. Ich möchte Josef Danke sagen. Er hat seine Pläne und seine Gene hinten angestellt und das Kind eines andern großgezogen. So ist Gott in die Welt gekommen. Jesus hat einen irdischen Vater bekommen, ist groß geworden und konnte sein Weg gehen. Danke Josef!

Aber nicht nur ihm. Danke allen, die ein Kind annehmen wie das eigene. So kommt Gott in die Welt. Danke allen Pflegeeltern und Adoptiveltern. Danke allen Patchwork-, Stiefvätern und -müttern,  Dank allen Ersatzomas und -opas. Danke den Frauen, die ein Kind bekommen haben, das mit Gewalt gezeugt wurde von fremden Soldaten. Und es angenommen haben. Danke den Familien, die diese Frauen nicht verstoßen Das gab es auch bei uns im letzten Krieg, auch wenn vielleicht nie darüber gesprochen wurde. Das gibt es in jedem Krieg bei jeder Besatzung.

Danke den Vätern, die ein uneheliche Kind aufgezogen haben wie das eigene und nie einen Unterschied gemacht haben. Danke auch denen, die sich gute Ideen zu eigen machen und unterstützen, als wäre es das eigene Kind. Danke an alle,  die dienen und die Welt besser machen, ohne Eitelkeit und Eigennutz. Und dann: Lasst uns doch mehr Josef wagen. Wenn das Leben anders verläuft als geplant. Wenn Träume sich nicht erfüllen, Katastrophen passieren. Lasst uns wie Josef vertrauen. Dass Gott am Werk ist. Das er etwas gutes mit uns vorhat nach seinem Plan. Du brauchst dich nicht selbst erlösen. Er ist am Werk. Lass es geschehen. Wenn ich auch gleich nichts fühle von deiner Macht, du führst mich doch zum Ziele auch durch die Nacht. Lass uns mehr Josef wagen. Die Klappe halten. In die zweite Reihe gehen. Einer Sache diene, die größer ist als wirselbst. Die Türe öffnen. Auch für Menschen, die wir nicht eingeladen haben und für Lösungen, die nicht auf unserem Mist gewachsen sind. Träume aufgeben, Ziele loslassen, in der zweiten Reihe stehen, das kann Glück sein, Erlösung. Lasst uns mehr Josef wagen. Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.Mehr „Josef

 

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