Fetzen, die leuchten – Predigt am Ewigkeits-Sonntag

In diesen Tagen leuchten die Hagebutten am Strauch und die letzten Blätter an den Bäumen. Hellgrün, gelb, feuerrot. Oder sie versinken im Nebel. Die Kraniche sind schon weg, die Krähen bleiben, suchen in Scharen ihr Futter auf den Wiesen. Die Raben hielt man früher Boten aus dem Reich der Toten. In Litauen sagt man, am 1. November kommen die Toten nach Hause zurück zu Besuch. Man deckt den Tisch für sie mit und lässt keine Messer herum liegen, an denen sie sich verletzen könnten. Auch wir denken an die Toten in diesen Tagen. Manchmal besuchen sie uns im Traum. Ein Rotkehlchen setzt sich auf den Grabstein. Hat der Verstorbene es mir geschickt? Schaut seine Seele vorbei für einen flüchtigen Augenblick? Ein Rezept fällt aus dem Backbuch heraus mit Mutters Schrift. Ein Gruß von ihr?

Seltsame Hochzeit In der Kirche hören wir in diesen Tagen von den Vorbereitungen für eine Hochzeit. Seltsam. Das passt dich nicht. Hochzeiten sind doch im Sommer! Die Geschichte von den 10 Brautjungfern.  Sie warten darauf, dem Bräutigam entgegen zu gehen. Nicht mit funzeligen Öllämpchen. Sie haben Fackeln dabei. Mit Öl getränkte Lumpen, Stoffreste um einen Stock gewickelt. Sie warten zusammen, um dann dem Bräutigam entgegen zu gehen. So ist  der Brauch. Andere Länder, andere Sitten. Alle wissen, dass er kommt, aber niemand, wann. Aber irgendwann schlafen sie ein. Als er schließlich kommt,sind alle überrascht. 5 Fackeln gehen an. Der Bräutigam sieht sie gut im Licht. Die einen. Die anderen sieht er nicht. Die sind schon weg, Öl besorgen, ihre Fackeln zum Leuchten zu bringen. Später kommen sie nach, möchten noch hinein in den Festsaal. Aber sie kommen zu spät. Der Bräutigam erkennt sie nicht. Sie können einem Leid tun. Wo gibt es denn so was? Dass man bei einer Hochzeit Gäste aussperrt und keiner sein Öl teilt!

Draußen vor der Tür  In diesen Tagen geht es den Trauernden so. Sie kennen das Gefühl: Draußen vor der Tür. Ihre Lieben sind durch die Türe gegangen, durch die sie nicht mitgehen können. Es führt kein Weg zu den Toten, so sehr wir uns nach ihnen sehnen. Die Tür ist zu. Und wenn der Tod kommt, haben wir nie genug Öl. Auf das unvorstellbare kann man sich nicht vorbereiten. Für die anderen geht das Leben weiter, sie arbeiten, sie feiern. Geburtstage und Hochzeiten. Nach dem Winter kommt ein neuer Frühling. Für die Trauernden ist das viel zu schnell. Sie stehen draußen vor der Tür. Ihr altes Leben ist in Trümmern, ein neues muss erst langsam entstehen. Sie fühlen sich nicht wohl auf Feiern und manche gehen ihnen lieber aus dem Weg.

Fetzen und Lumpen Die Brautjungfern haben alte Kleider zerrissen und aus den Fetzen Fackeln gebunden. So kann es den Trauernden auch vorkommen. Was sie haben, sind nur noch Fetzen. Erinnerungen, Bruchstücke eines  alten Lebens. Es lässt sich nichts Ganzes mehr daraus machen. Die alten Kleider passen nicht mehr. Manches fehlt. Ich hätte so gern noch: Mit dir gefeiert und Jahre verbracht. Mich ausgesprochen. „Danke“ gesagt und „Verzeih“.  Die Scharte ausgewetzt die Wunde geheilt, die Fahrt gemacht. Zu spät, die Tür ist zu. Das tut weh in diesen Tagen. Das zerreißt uns wie alte Lumpen.

Auf der Schwelle Was machen wir nun mit diesen Fetzen der Erinnerung des alten Lebens? In diesen Tagen heben wir sie auf wie gefallene Blätter, vorsichtig, schauen sie an. Sie sind kostbar und schön. Wir können auch reden auch miteinander über die Erinnerungen, dann leuchten sie vielleicht wie eine schöne Fackel, aber ohne zu verbrennen. Und es wird warm und hell. Vielleicht reden wir sogar  mit den Toten, am Grab oder am Küchentisch, gegenüber dem Sessel, wo sie immer saßen. Sie sind gar nicht so weit weg, die Tür ist eine Stück offen in diesen Tagen. Vielleicht reden wir auch mit Gott am Grab oder im stillen Kämmerlein. Schütten ihm unser Herz aus und fühlen: er versteht, er weiß. Sagen: Pass gut auf ihn auf, lass sie leben bei dir. Wir werden gleich vorn Lichter anzünden für die Verstorbenen. Fackeln der Erinnerung, die hell leuchten und trösten. Und dann sind sie eingeladen nach vorn zu kommen zum Abendmahl. Der Bräutigam kommt, Jesus Christus in unserer Mitte. Er lädt uns ein, mit ihm zu feiern. Für einige kostbare Augenblicke sind wir dann auf der Schwelle zum himmlischen Saal und schauen hinein. Hören die Engel singen und stimmen ein. Zugleich sind wir noch immer hier: Ganz unten. Im Tal der Tränen. Doch Gott ist bei uns. Zeigt uns den Weg und geht mit, dem Licht entgegen. Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.