Weckruf für die alte Welt

Eigentlich war die Welt immer alt. Vom ersten Tag an.  Erschöpft. Am Ende, noch bevor es richtig angefangen hat. Bei Kain und Abel. Unter Augustus in der spätrömischen Dekadenz. Und heute. Die Welt steht am Abgrund. Da endlich geht Gott einen Schritt weiter. Er fängt noch einmal von vorn an, mit Jesus Christus. Im Anfang war das Wort, das alles erschuf.  Nun ward es ein Mensch aus Fleisch und Blut und wohnte unter uns. Manche meinen, das sind Geschichten aus der Vergangenheit. Sie sehen alt aus in unserer modernen Welt. Ich meine: Es sind Geschichten aus der Zukunft, taufrisch. Sie kommen hinein in die steinalte Welt und setzen neu an.

Die Welt schläft einen Dornröschenschlaf. Dämmert dahin im „Es war schon immer so.“ und im „Es wird schon irgendwie gutgehen.“ Die alte Welt schließt die Augen vor dem Abgrund, auf den sie zurutscht, dämmert weg und merkt es nicht. Viele träumen von Weihnachten wie es früher war, mit Idylle und Schnee und heiler Welt, mit mehr Lametta und Frieden auf Erden. Eine Illusion. So war es nie.

Aber Gott weckt uns alle auf am Weihnachtsmorgen, gegen 6.30 Uhr. Mit Pauken und Trompeten und Engelschören: Vom Himmel hoch, da komm ich her! Gott weckt uns aus dem Betäubungsschlaf mit Zukunftsmusik. Tochter Zion, freue dich. Sieh, dein König kommt. Die Welt wird neu. Wach auf und sieh!  

Und so kann es zum Beispiel gehen, wenn die alte Geschichte lebendig wird und etwas bewegt, wenn das Wort Fleisch wird: Es war einmal vor langer Zeit ein kleines Mädchen, nennen wir sie Angela. Ihr Vater war Pastor und jedes Jahr an Weihnachten hörte sie in der Kirche von der schwangeren Maria und ihrem Josef, die keinen Ort hatten, wo sie bleiben konnten. Viel später, als Angela groß war und ihr Schreibtisch im Kanzleramt stand, nun schrieb man schon das Jahr 2015, da hörte sie im Sommer von Hundertausenden, die vor dem Krieg weggelaufen waren und auf der Balkanroute gestrandet und nicht wussten wohin. Und manche der Frauen waren hochschwanger. Ich vermute, da erinnerte sich die erwachsene Angela mitten im Sommer an Weihnachten und sagte: Da müssen wir jetzt helfen, sonst ist das nicht mein Land. Und sie öffnete die Türen des Landes. Und als die Menschen in Deutschland hörten, was Angela (das heißt auf Deutsch: Engel) ihnen sagte, hatten viele Mitgefühl und gingen eilends zu den Bahnhöfen, um die Ankömmlinge zu sehen und zu begrüßen. Und sie brachten ihnen Obst, Mineralwasser und Kleidung. Und alle freuten sich wie die Könige. Dann wurden die Neuen gezählt und registriert und bekamen eine einfache Unterkunft im Wohnheim. Die schwangeren Frauen waren unendlich froh, dass sie ihre Kinder zur Welt bringen konnten in Sicherheit, nicht in einer ausgebombten Ruine in Aleppo und nicht in einem Zelt in Mazedonien, sondern in einem Kreißsaal mit Ärzten und Hebammen. Als ihre neugeborenen Kinder beim Standesamt eingetragen wurden und man die Eltern nach dem Namen fragte, da sagten viele von ihnen: Angela soll unser Kind heißen. Nach dem Engel, der ihnen Herberge gegeben hat. Und ein Junge bekam den 2. Vornamen Merkel. Jetzt wohnen sie unter uns, zwei, drei Jahre alt, die kleinen Engel. Die alte Geschichte hat etwas bewirkt. Die Worte sind Fleisch geworden, lebendige Menschen. Engel sind erschienen. Sie wohnen unter uns und wir sehen ihre Herrlichkeit.

2015 ist längst natürlich Vergangenheit. Angela hat fast ihren Job verloren, wegen ihrer Eigenmächtigkeit. Manchmal hat sie sich vielleicht gefragt, ob das noch ihr Land ist. Die Balkanroute ist geschlossen, der Zaun in Ungarn steht. Weihnachten kommt immer unerwartet und ist schnell wieder vorbei. Gut, dass das Vergangenheit ist, sagen viele. Möglichst schnell vergessen, damit wieder Ruhe einkehrt. Aber es ist keine Geschichte aus der Vergangenheit. Es ist eine Geschichte aus der Zukunft. Gottes neue Welt ist da aufgeblitzt. Ein Vorgeschmack. Das beste kommt noch, es hat alles erst angefangen.

Viele sind so müde, nicht nur heute morgen. Fühlen sich alt wie die Welt. Wegen der Aktenberge auf dem Schreibtisch, von der  ewigen Geldknappheit. Müde von der Politik, wo anscheinend nichts voran geht, von Gezänk und Hetze. Müde von den selbsternannten Messiassen, die ihr Land wieder groß machen, bis sie alles gründlich versaut haben. Müde sind viele, dämmern weg in bleierne Schwere, betäuben sich mit Glühwein und Zimtsternen. Bis Gott sein Wort spricht. Es macht Herzklopfen, weitet die Seele. Belebt den Geist und setzt den Leib in Bewegung. Dann beginnt die Zukunft. Die Kaiser in Rom und in Moskau und Washington und Ankara sehen plötzlich alt aus. Dinosaurier, sie gehören schon der Vergangenheit an. Dem Kind Jesus Christus gehört die Zukunft. Mit ihm fängt es an, ein neuer Himmel und eine neue Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt. Lass dich fallen ins dieses Wort wie in den Jungbrunnen. Wach auf. Aufgeweckt am Weihnachtsmorgen. Wir waren nicht tot, wir haben nur geschlafen. Jetzt gehen die Augen auf: Ein Kind ist uns geboren. Amen.

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