Der 9. November 1938 wird sich nicht wiederholen! Wenn…

 

Ansprache an der Lemgoer Synagoge am 9. November 2018

Als ich ein Schüler war, mit 17 oder 18, war ich zum ersten Mal bei einer Gedenkfeier hier an der Synagoge. Meine Lehrer haben mich hierhin mitgenommen, Hanne Pohlmann war eine von ihnen, Geschichtslehrerin am EKG.  Seitdem war ich fast jedes Jahr hier. Oder an einem anderen Ort in Deutschland bei einer Gedenkfeier, wo ich jeweils gelebt habe. Denn es ist ja Ähnliches in fast jedem Dorf und jeder Stadt passiert.Ich war entsetzt darüber. Ich wollte den Opfern meinen Respekt erweisen. Von den Rednern habe ich gehört und selbst gedacht: So etwas darf nie wieder passieren! Und es war alle die Jahre fast selbstverständlich: So etwas wird nie wieder passieren. Es ist so viel erreicht: Alle vernünftigen Menschen wissen, dass so etwas nie wieder passieren darf und sie sorgen dafür. Lehrerinnen, Politiker, Polizei, Regierung. Alle, die uns regieren, die Einfluss haben, alle Parteien, alle Medien, alle Lehrer sind sich darin einig. Auch die große Mehrheit der einfachen Menschen ist vernünftig. Wir haben gelernt aus der Geschichte und wollen es nie vergessen. Jedes Jahr am Abend des 9. November konnte man nach Hause gehen, ernst, aber doch ruhig. Es genügte, sich zu erinnern, zu mahnen. Am 9. November -einmal im Jahr und gelegentlich. Wenn ein Zeitungsartikel zum Thema erschien oder ein Film oder eine Dokumentation, eine Ausstellung. Aber sonst konnte man beruhigt seiner Arbeit nachgehen, das Leben genießen, nach dem Glück streben. Pursuit of happiness. Es war selbstverständlich, dass die finsteren Zeiten für immer vorbei sind und keine ernste Gefahr droht. Das ist heute anders. Wir sind unruhig. Am 9. Novembers besonders. Es gab den Brand-Anschlag in Mölln, die Meute vor dem Wohnheim in Rostock-Lichtenhagen. Menschen mit Kippa sind auf offener Straße verprügelt worden. Eine Bande hat 10 Jahre lang Ausländer einfach ermordet. Synagogen und Moscheen wurden angegriffen. Politiker kandidieren für Parlamente, die den 9. November kleinreden und ausblenden wollen. Die spalten und aufhetzen, die davon reden, dass sie Listen schreiben von Menschen, die wegkommen, wenn sie erst mal regieren.  Viele Tabus sind gebrochen, was lange unvorstellbar war.

Es war naiv anzunehmen, dass Dummheit und Grausamkeit für immer besiegt sind. Sie sind nur mehr oder weniger eingedämmt. Es ist immer möglich, dass Menschen die Menschlichkeit ablegen, aufhetzen und sich aufhetzen lassen. Die selbstverständliche Sorglosigkeit ist dahin. Nun droht eine andere Gefahr: Dass wir den Kopf in den Sand stecken und denken: Es wird schon gutgehen. Oder: Dass wir in eine Art Lähmung verfallen. Hilflos, ohnmächtig, ängstlich zusehen, wie die Flut steigt und meinen, wir könnten nichts tun. Als sei es eine Naturkatastrophe, zu stark für uns und unaufhaltsam. Diese Angst vor dem Unrecht ist gefährlicher als das Unrecht selbst. Wir sind nämlich nicht hilflos. Wir haben es in der Hand, ob das Unrecht zunimmt oder zurückweichen muss. Es ist Zeit die Mechanismen zu studieren, und die Gegenstrategien einzuüben. 

Etwas wie der 9. November 1938 kann nicht wieder geschehen; etwas wie Auschwitz kann nicht wieder geschehen, wenn: Wenn wir uns an die Gesetze halten und dafür sorgen, dass sie eingehalten werden. Es war auch am 9. November 1938 verboten, fremde Häuser zu verwüsten, Menschen zu beleidigen, Synagogen anzuzünden. Das war kriminell, ein Bruch der geltenden Gesetze. Der 9. November 1938 wird sich nicht wiederholen, wenn Polizisten Polizisten bleiben und sich Gesetzesbrechern in den Weg stellen. Der 9. November kann sich nicht wiederholen, wenn Feuerwehrleute Feuerwehrleute bleiben. Jedes brennendes Haus löschen. Und nicht nur die Nachbarhäuser der Synagoge schützen. Der 9. November kann sich nicht wiederholen, wenn Bürgermeister Bürgermeister bleiben und für jeden Bewohner der Stadt sorgen. Der 9. November 1938 kann sich nicht wiederholen, wenn wir wachsam sind. Überall, wo für eine Gruppe Menschen Bezeichnungen gewählt werden, die sagen: Du gehörst nicht dazu. Du hast keine Rechte. Dir darf man Gewalt antun. Wenn man das merkt und widerspricht. Deutlich und laut.  Der 9. November 1938 kann sich nicht wiederholen, wenn es Zeitungen und Sender gibt, die neutral und sachlich berichten, die nicht hetzen. Das können sie aber nur, wenn  wir diese Zeitungen abonnieren. Wenn wir Geld ausgeben für die Demokratie. Für Organisationen, die für Bürgerrechte eintreten, gegen Korruption. Was ist es uns monatlich wert in Euro und Cent? Eine gute Zukunft in Frieden und Recht für unsere Kinder? Das kostet etwas. Von nichts kommt nichts. Der 9. November 1938 wird sich nicht wiederholen. Aber nur, wenn wir mutig sind. Wenn wir dem ins Auge sehen: Es kann auch uns treffen. Dass wir beschimpft werden auf Facebook oder auf der Straße. Böse Briefe bekommen. Es kann uns passieren, dass wir geschlagen werden. Unsere Häuser beschmiert oder angezündet werden. Wenn wir nicht bereit sind, dies Risiko einzugehen, dann kann man uns leicht einschüchtern. Dann haben die Brutalen, Skrupellosen leichtes Spiel. Aber wenn wir mutig sind, uns keine Angst einjagen lassen, dann ist die Gefahr viel kleiner. Der 9. November wird sich nicht wiederholen, wenn Lehrerinnen und Lehrer Pädagogen bleiben. Ihre Schüler aufklären und mitnehmen zur Gedenkfeier an der Synagoge. Der 9. November 1938 wird sich nicht wiederholen, wenn Pastoren Pastoren bleiben und Christen der Botschaft der Bibel treu. Die Bibel sagt: Israel ist Gottes erste Liebe. Sein erwähltes Volk, dem er treu ist. Sein Augapfel.  Wer sich an Israel vergreift, greift Gottes Augapfel an. Und Gott lässt sich nicht spotten! Paulus, der jüdisch-christliche Autor im Neuen Testament sagt es: Gott ist seinem Volk treu.

Und wenn du vor der Wahl stehst, zwischen ducken, wegsehen, mitlaufen, dem persönlichen Glück nachlaufen ohne rechts und links zu sehen oder hinsehen, dich in den Weg stellen, widersprechen, dein Glück und deine Unversehrtheit riskieren, dann denk nicht an die Angst. Denk daran, wie du dich im Spiegel anschauen wirst, nachher. Und wie deine Kinder und Enkel dich ansehen werden. Wir haben es in der Hand, wie die Zukunft aussehen wird und wie unser Spiegelbild und Andenken.

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