Wenn sie geredet hätten… – Die Predigt vom 26. August

Einer will etwas sagen, setzt an — und sagt dann doch nichts.
Was wollte er dem anderen eigentlich sagen: Wie enttäuscht er ist, wie wütend? Wie ungerecht das ist? Wollte er eine Erklärung, eine Entschuldigung? Einen Ausgleich? Oder wollte er sagen: Rede doch endlich mit mir.

Aber er schweigt. Sind seine Gefühle zu stark? Kein klarer Gedanke möglich? Glaubt er nicht mehr, dass Reden etwas bringt? So oft angeschrien, so oft verstummt. Kein Gehör gefunden.
Wir wissen nicht, wasvorging, in dem, der reden wollte und dann schwieg. Wir wissen nicht, was in seinem Gegenüber vor sich ging. Der schwieg auch. Ahnte er nichts Böses? Oder war es ihm egal, was im anderen vor sich ging. Lös deine Probleme selbst? War das seine unausgesprochene innere Haltung?
Wir wissen es nicht. Nur dass einer etwas sagen will und es dann doch nicht tut. So bleibt es in ihn verschlossen. Der Druck im Kessel steigt, bis er explodiert. Nach dem Schweigen kommen Schreie. Blut. Schließlich Stille. Aber das Blut schreit zum Himmel. Einer bleibt allein zurück und schweigt.
Wir wissen fast nichts über die Vorgeschichte. Nur wenige Fakten: Zwei Brüder sind es: Der eine ein Bauer, der andere ein Schäfer.
Beide haben Gott Opfer dargebracht. Von den Früchten seiner Felder der eine, der andere von seinen Tieren. Nicht gegessen, nicht verkauft, sondern verbrannt. Gott zurückgegeben, als Dank und als Bitte um gute Ernte, und Gedeihen der Tiere.
Gott reagiert verschieden. Das Opfer des Schäfers sieht er gnädig an. Das heißt vermutlich: Im folgenden Jahr gedeihen seine Tiere prächtig. Werfen viele Junge, sind gesund und finden gute Weide. Er kann gut leben von seiner Arbeit.
Das Opfer des Bauern sieht Gott nicht gnädig an. Das sieht man an Ernte des folgenden Jahres: Dürre, keine guten Erträge. Mageres Leben.
Beide haben ihre Arbeit getan. Kein Wort davon, dass der Bauer-Bruder Fehler gemacht hätte oder faul war. Aber der Schäfer hat Erfolg, der Bauer nicht. Ist Gott dann ungerecht?
Das gibt es oft. Unter Brüdern und Mitmenschen. Der eine geht mit 80 rüstig wandern, der andere kann das Haus nicht mehr verlassen.
Zwei ergreifen jeweils den Beruf, der ihnen liegt und Freude macht. Der eine verdient gut und macht Karriere, der andere wird arbeitslos. Nicht weil er schlecht arbeitet, sondern nur weil die Zeiten sich ändern. Einer versteht sich mit seinen Geschwistern, in der anderen Familie wird nur gestritten oder geschwiegen. Wenn Gott da sein Hand im Spiel hat, ist er dann ungerecht? Oder gleichgültig? Schweigt er? Und sagt bestenfalls: Deine Probleme musst du selber lösen?
Noch einen kleinen Hinweis haben wir, was es mit den zwei Brüdern auf sich hat:
Als der erste geboren wird, ist die Mutter sehr stolz. Ich habe ein Kind zur Welt gebracht mit Gottes Hilfe sagt sie. Fast wie Gott selber kommt sie sich vor, weil sie diesen Prachtkerl geboren hat. Das schwingt in dem Namen mit, den sie ihn gibt. Als der Bruder auf die Welt kommt, heißt es ganz nüchtern: Danach bekam sie noch ein Kind. Der Name dieses zweiten bedeutet übersetzt: Wind, Hauch. Fast ein Nichts, unbedeutend, unsichtbar. Oder böse gesagt: Ein Furz.
Wenn die Mutter die Kinder so angesehen hat durchgehend – gnädig den erstgebornen, ungnädig den zweiten – o weh! Das haben sie nicht verdient.
Kein Wunder, wenn der verwöhnte Stolz der Mutter, als Bauer keinen Erfolg hat. Er musste sich ja nie Mühe geben und hat es nicht gelernt zu arbeiten. Er wurde immer verwöhnt und bewundert, gnädig angesehen und musste nichts dafür tun. Aber der andere, der Nichts, der Windhauch, der hat immer gekämpft um Anerkenung. Er musste alles aus eigener Kraft schaffen. Der ist tüchtig geworden dabei und nun kommt endlich sein Lohn.
Vielleicht ist es so: Gott ist gar nicht ungerecht. Er schafft jetzt einen Ausgleich. Der lange ungnädig angesehen wurde, den sieht er gnädig an, dem lässt er´s nun gelingen.
Und der Liebling muss nun endlich seine Lektion hart lernen. Dass man Brot isst im Schweiße seines Angesichts. Weil Gott genau hinsieht und das Unrecht ausgleicht. Die ersten werden die letzten sein und die letzten werden die ersten sein. Der die Mächtigen vom Thron stößt und erhebt die Niedrigen aus dem Staub.
Nur dass es leider mächtig schiefgeht. Eskaliert. Der erfolglose Bruder senkt finster den Blick, neidisch, enttäuscht, wütend. Er kann es nicht wegstecken.
Er schweigt finster. Schaut Gott nicht mehr an und nicht den Bruder, sagt kein Wort. Gott warnt ihn: Vorsicht. Jetzt lauert die Sünde vor deiner Tür. Wenn du erst einmal nicht mehr redest, nicht mehr in die Augen schaust, ist das Unheil nah. Beherrsche dich und die Sünde. Lass sie nicht Herr über dich werden!
In mir wohnen zwei Wölfe, sagte einmal ein alter Jäger seinem Enkel. Einer ist grausam und böse. Wütend und zu jeder Gewalt fähig. Und da ist ein anderer Wolf in mir. Er ist friedlich, er beschützt die Schwachen, er lässt sich nicht reizen zum Unrecht. Die beiden Wölfe in mir kämpfen miteinander. – Und?, fragt der Enkel? Welcher gewinnt? – Der, den ich füttere., erwidert der Großvater.
Am Anfang Schweigen, dann Schreie, dann Stille. Nur das Blut schreit zum Himmel.
Wenn er geredet hätte, vielleicht wäre es anders gekommen. Er hätte doch alles sagen können: Dass er es ungerecht findet und unerträglich. Seine Wut auf den Bruder, auf Gott selbst. Alles hätte er ausprechen könne. Selbst drohen und schimpfen ist besser als schlagen. Dann hätte er sich Luft gemacht, Dampf abgelassen.
Vielleicht hätten sie ihn verständnisvoll angesehen, Gott und der Bruder. Der Bruder hätte erzählen können, wie das war: Zu Hause nur der Wind zu sein, unsichtbar im Schatten des großen Bruders. Wie wütend er oft war. Die Wahrheit beginnt zu zweit.
Die Brüder hätten sich austauschen können, wie das war bei der Mutter, die so verschieden auf sie schaute und bei dem Vater, der immer schwieg oder nicht da war. Die Geschichte erwähnt ihn nicht ein Mal.
Sie hätten ihre Eltern anklagen können und ihnen verzeihen. Einander annehmen als Brüder. Erwachsen werden. Wenn sie geredet hatten. Sie hätten ihre Erträge teilen können und Gott gemeinsam opfern: Danken und bitten um guten Ertrag. Wenn sie geredet hätten.
Aus dem 1. Buch Mose, Kapitel 4:
Und Adam erkannte seine Frau Eva, und sie ward schwanger und gebar den Kain und sprach: Ich habe einen Mann gewonnen mithilfe des HERRN. 2 Danach gebar sie Abel, seinen Bruder. Und Abel wurde ein Schäfer, Kain aber wurde ein Ackermann. 3 Es begab sich aber nach etlicher Zeit, dass Kain dem HERRN Opfer brachte von den Früchten des Feldes. 4 Und auch Abel brachte von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Und der HERR sah gnädig an Abel und sein Opfer, 5 aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an. Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick. 6 Da sprach der HERR zu Kain: Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick? 7 Ist’s nicht so: Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie. 8 Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel: (…) Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot.
9 Da sprach der HERR zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er sprach: Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein? 10 Er aber sprach: Was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde. 11 Und nun: Verflucht seist du auf der Erde, die ihr Maul hat aufgetan und deines Bruders Blut von deinen Händen empfangen. 12 Wenn du den Acker bebauen wirst, soll er dir hinfort seinen Ertrag nicht geben. Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden. 13 Kain aber sprach zu dem HERRN: Meine Strafe ist zu schwer, als dass ich sie tragen könnte. 14 Siehe, du treibst mich heute vom Acker, und ich muss mich vor deinem Angesicht verbergen und muss unstet und flüchtig sein auf Erden. So wird mir’s gehen, dass mich totschlägt, wer mich findet. 15 Aber der HERR sprach zu ihm: Nein, sondern wer Kain totschlägt, das soll siebenfältig gerächt werden. Und der HERR machte ein Zeichen an Kain, dass ihn niemand erschlüge, der ihn fände. 16 So ging Kain hinweg von dem Angesicht des HERRN und wohnte im Lande Nod, jenseits von Eden, gegen Osten.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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